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Die posttraditionelle Gesellschaft ist – philosophisch gesehen – eine Kulturform, die in einem engen Zeitraum von wenigen (100–150) Jahren die vollst"andige Umstellung eines Erkl"arungskonzeptes von Welt vollzieht – und zwar f"ur alle Existenzbereiche, die als erkl"arenswert angesehen werden. Dabei wird auf einen Teilbereich des bisherigen Erfahrungsraumes verzichtet, und es bleiben Ph"anomene, die man zuvor mit dem alten Erkl"arungskonzept erkl"aren konnte, unerkl"art. Das neue Erkl"arungskonzept einer zuk"unftigen traditionellen Gesellschaft wird in der posttraditionellen Gesellschaft vorbereitet, und die Zeit der posttraditionellen Gesellschaft markiert den "Ubergang von einem fr"uheren zu einem vollst"andig neuen Erkl"arungskonzept.
Es ist die Aufgabe der posttraditionellen Gesellschaft, die in Inkonsistenz geratenen Erkl"arungskonzepte f"ur die vorhandenen Erfahrungen in einen neuen stabilen Zustand, d.h. zu neuen Erkl"arungskonzepten zu f"uhren.
Damit ist die posttraditionelle Gesellschaft davon gepr"agt, dass kein einheitliches Erkl"arungskonzept akzeptiert wird, wohl aber eine Vielzahl von Versuchen, Konsistenz zwischen Erkl"arung und Erfahrungen zu schaffen, nebeneinander existieren.
Es ist deshalb auch eine gr"ossere Toleranz gegen"uber ausgefallenen Konzepten notwendig und "ublich. Damit geht einher, dass es nur einen geringen Konsens "uber allgemein g"ultige Erkl"arungen und Werte gibt. Wenn es ihn gibt, dann nur in soziologisch umschreibbaren engen Gruppen. Nur f"ur wenige Fragestellungen haben diese Gruppen eine Identit"at. Die "ubrigen Erkl"arungen und Werte werden von den einzelnen Mitgliedern einer Verstehensgemeinschaft in der posttraditionellen Gesellschaft nicht immer als konsistent erlebt. Begriffe und damit die Erkl"arungskonzepte wandeln sich st"andig. Bildungssysteme k"onnen bereits w"ahrend ihrer Entwicklung und Modifikation veralten. Der Begriffs–und Wertewandel akzeleriert.
Die Tradierung von Wissen und Bildung wird nicht mehr "uber mehrere Generationen gef"uhrt, sondern kann sich punktuell in der gleichen Generation zu unterschiedlichen, ja sich ausschliessenden Konzepten wandeln.
Wenn die posttraditionelle Gesellschaft zu konsistenten f"ur alle Erfahrungsbereiche konvergenten Erkl"arungen und Begriffen kommt, f"uhrt sie vorw"arts in eine traditionelle Gesellschaft, die sich aber grundlegend von derjenigen unterscheidet, von der diese posttraditionelle Gesellschaft startete.
Die Kultur einer Gesellschaft ist wesentlich davon getragen, wie Erfahrungen, deren theoretische Erkl"arung und das daraus folgende Handeln miteinander verbunden werden.
Dem Alltagsleben, wie auch der Wissenschaft, sowohl den Geistes–als auch den Naturwissenschaften, liegt ein Beziehungsgeflecht von Erfahrung, Erkl"arung und Handeln zu Grunde, die sich nicht einzeln konstituieren, sondern immer nur in ihrem Verbund sind, was sie sind. Durch Handeln erwerben wir Erfahrungen, die nur deshalb, weil wir ihnen – implizit oder explizit – eine Erkl"arung zugrunde legen, erfahrbar sind. Erfahrungen aber gehen auch jeder Handlung voraus, die wir nur vollziehen, weil wir aus unserer bisherigen Erfahrung und deren theoretischer Erkl"arung erwarten d"urfen, dass sie zuk"unftig ein bestimmtes Resultat bewirken. Die theoretischen Erkl"arungen m"ussen jeder Handlung vorausgehen, damit wir das Handlungsresultat "uberhaupt als Resultat unserer Handlung und damit als Grundlage und Prognoseinstrument f"ur weitere Handlungen verstehen k"onnen. Das Zusammenwirken konsistenter Handlung, Begriffen und Erfahrung, die immer zugleich auftreten, ist grundlegend f"ur jede menschliche Existenz. Vorausgesetzt wird dabei nicht, dass die Konsistenz"uberlegungen bei jeder Handlung im einzelnen rational vollzogen werden, vielmehr gilt f"ur die allt"aglichen Handlungen, dass sie routiniert "uber eingefahrene Schemata ablaufen. Fast immer verhalten wir uns, wie wir uns verhalten, weil wir uns in vergleichbaren Situationen schon immer so verhalten. Wir k"onnen dieses Verhalten ex post erkl"aren und eine Konsistenz sowohl mit den "ubrigen Erkl"arungskonzepten, den Begriffen, die wir haben, feststellen, als auch mit den "ubrigen Erfahrungen, die uns pr"asent sind und deren Erkl"arung die Koh"arenz unserer Handlungen "uberpr"ufbar macht.
Das, was die koh"arenten Einzelelemente unseres Wissens sind, macht kontinuierliche R"aume aus: den Erfahrungsraum, den Handlungsraum und das Gef"uge der zu Theorien verdichteten Begriffe. W"ahrend jeder ihrer Handlungen freilich "uberpr"ufen Individuen implizit ihre Schemata und ver"andern sie geringf"ugig. Dies geschieht, wenn unser Erfahrungsraum erweitert wird. Wenn wir h"aufiger Erfahrungen machen, die uns so bislang nicht bekannt sind, suchen wir nach neuen Erkl"arungen, um m"ogliche zuk"unftige Handlungen vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen absehbar zu machen. Wir erweitern unseren Erfahrungsraum. Zun"achst sucht man in dem bestehenden Wissensbestand, ob f"ur diese Erfahrungen bereits von anderen Individuen der Verstehensgemeinschaft Erkl"arungen (Begriffe) bekannt sind. Wenn dies nicht der Fall ist, wird f"ur die Erfahrung, wegen der m"oglichen sich daraus ergebenden Handlungen von Individuen, eine neue Erkl"arung oder neue Begriffe gesucht. Wenn dar"uber hinaus diese den Kulturtr"agern der Gesellschaft interessant genug erscheint, d"urfen wir erwarten, dass diese ver"anderten Erkl"arungen hinreichend in der Gesellschaft kommuniziert werden und zum Allgemeingut werden. Die
Geringf"ugige "Anderungen vertr"agt das Erkl"arungssystem, d.h. das Gef"uge von Begriffen und Theorien, ohne dass es als ein neues Erkl"arungskonzept erscheint, denn Modifikationen von Bedeutungen und Bewertungen sind Teil des aktiven Verstehens. Begriffe, und das sind die Elemente der Erkl"arungskonzepte, sind – in Grenzen – bedeutungsunscharf ausgelegt. Mit jedem Begriff denken wir eine explizite Bedeutung und einen impliziten Bedeutungsgehalt. Die explizite Bedeutung bezeichnet den gedachten Sachverhalt. Der implizite (oder latente) Bedeutungsgehalt enth"alt Hinweise auf Konnotationen, Kontexte, und Verwendungsm"oglichkeiten, unter denen wir die Begriffe konsistent mit der Erfahrung und anderen Begriffen nutzen d"urfen. Auch eine Bewertung wird mit dem Begriff verbunden: Unter dieser Werthaltung assoziieren wir den Rang des Begriffs in der Begriffshierarchie der Erkl"arungen und auch die Wertigkeit, die die Erkl"arung f"ur eine m"ogliche Handlung aufgrund der in diesem Begriff enthaltenen Konsequenz hat. [8]
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Ausf"uhrlicher werden diese Sachverhalte dargelegt in:
Wolfgang Neuser: Die Logik des Entwurfs. Verstehen als Konstruktion von Wirklichkeit, in: System und Struktur. V/1, 1997, 7–21.
Wolfgang Neuser: Nichtwissen. Eine konstitutive Bedingung f"ur den Entwurf von Welt, in: Wissensmanagement. Zwischen Wissen und Nichtwissen, hrsg. von K. G"otz, M"unchen, Meringen 1999, 85–98.
Wolfgang Neuser: Philosophie an einer technisch–naturwissenschaftlichen Universit"at, in: H. Hofrichter, Visionen, Kaiserslautern 2002, 103–110.
Wolfgang Neuser: Ethische Dimensionen des Nichtwissens. Ver"offentlichung des Japanisch–Deutschen Zentrums, Berlin 2002. Im Druck.
Wolfgang Neuser: Natur und Begriff, Stuttgart/Weimar/New York 1995.
Alle drei Aspekte, die explizite Bedeutung, der implizite Bedeutungsgehalt und die Werthaltung haben wir auf einen Schlag vor unserem Denken, wenn wir Schemata, die auf dem oder den Begriffen beruhen, bei einer Handlung folgen. Dabei erlauben die Begriffe geringe Bedeutungsverschiebungen, deren Grenzen durch den impliziten Bedeutungsgehalt (Kontext, Konnotation) gegeben werden. Wir k"onnen und werden wegen dieser Zusammenh"ange Handlungen aufgrund von "Ahnlichkeiten zu fr"uheren Handlungen ausf"uhren, weil unsere Erkl"arungskonzepte auf diese zuvor unbekannten "Ahnlichkeiten hin orientiert sind. Die Grenzen der "Ahnlichkeitsbestimmung werden durch den impliziten Bedeutungsgehalt der Begriffe gegeben.
Mit einem Wandel des Erfahrungsraumes muss daher ein Wandel der Handlungen und der Begriffe einher gehen. Dies ist der Verstehensprozess in der traditionellen Gesellschaft. Dieser
«normale“ Wandel von Erfahrungsraum, Handlungsraum und Begriffsgef"uge unter dem allt"aglichen Verstehen wird in der traditionellen Gesellschaft "uber viele Jahrhunderte ablaufen, um Neues handhabbar zu machen.Erst wenn die Erfahrungen, die man macht, "uberhaupt nicht mehr im bestehenden Begriffsgef"uge erkl"arbar sind, und damit Handlungen eher einem Wunder "ahneln, als einem absehbaren Vollzug absehbarer Folgen, dann bedarf es der "Anderung grundlegender Begriffe und grundlegender Erkl"arungskonzepte. Dies hat dann m"oglicherweise zur Folge, dass alle oder fast alle Begriffe ge"andert werden m"ussen. Das hat dann auch zur Folge, dass der Erfahrungsraum einer Gesellschaft sich verschiebt. Manches, was bislang erkl"arbar war, ist dann mit dem neuen Begriffsgef"uge nicht mehr erkl"arbar, was allerdings nicht bedauert wird, weil man diese (alten) Erfahrungen auch nicht mehr erkl"aren will. Der Erfahrungsraum und der Handlungsraum sind eben v"ollig ver"andert. Dieser akzelerierende Wandel von Begriffen und Werten f"uhrt zu einer Vielzahl von Erkl"arungsversuchen, die aber der Konsistenz–und Koh"arenzforderung von Handlung und Erfahrungsraum auf die Dauer nicht alle stand halten k"onnen. Die Phase, in der dieser akzelerierende Wandel vollzogen wird, ist die Phase einer posttraditionellen Gesellschaft. Sie beginnt mit einer Zunahme der Geschwindigkeit des im "ubrigen unproblematischen Wandels von Erfahrungsraum, Handlungsraum und deren Erkl"arungskonzepte den Begriffsgef"ugen. Die posttraditionelle Phase endet mit einem neuen koh"arenten und konsistenten Gef"uge von Erfahrungsraum, Handlungsraum und Begriffsgef"ugen. Sie f"uhrt dann zu einer neuen traditionellen Gesellschaft, die den vorherigen traditionellen Gesellschaften nicht mehr "ahnelt.
Unser zentrales Instrument zur Beschreibung des Strukturwandels in der philosophisch erfassten posttraditionellen Gesellschaft ist f"ur den Philosophen der Begriff, der f"ur einen Augenblick das Gef"uge aus Erfahrung, Handeln und Erkl"aren festh"alt. Auf ihm beruht unser Wissen und aus ihm folgt unser Handeln, wie er seinerseits auf unserem Vorwissen und unserem fr"uheren Handeln beruht. Mit unserem Handeln verbinden wir Wertungen, die wir entweder unmittelbar mit diesem Handeln verbinden, oder die wir in der Reflexion mit einem m"oglichen und projektierten Handeln verbinden wollen. Unter Umst"anden ist uns unmittelbar einleuchtend, eine Handlung zu begehen oder zu unterlassen. Unter Umst"anden wird uns dies aber auch erst nach einer l"angeren und ausf"uhrlicheren Reflexion oder auch Kommunikation einleuchtend und erstrebenswert. Sowohl bei unmittelbarer als auch bei mittelbarer Adaptation von Bewertungen mit Handlungen oder Handlungsfolgen verbinden wir die Werte mit Schemata, die unser Handeln steuern. Mit den einzelnen Begriffen, auf denen Schemata beruhen, verbinden wir ja Werthaltungen. Selbst wenn wir auf Grund einer Gesinnungsethik unsere moralischen Massst"abe entwickeln, kann das doch nur geschehen, weil diese Wertmassst"abe im Kontext mit unserem Weltverst"andnis fest mit Schemata verbunden. Sie sind Teil unserer Begriffe, die unseren Erfahrungsraum erkl"aren und unser Handeln steuern. Mit dem Begriff verbinden wir einen expliziten Bedeutungsgehalt, der uns eine Zuordnung an einen materialen Referenten markiert, einen impliziten Bedeutungsgehalt, der uns sagt, welche Kontexte mit dem expliziten Bedeutungsgehalt gemeint sind oder gemeint sein k"onnen. Der Kontext referenziert auf eine Abstraktionsgeschichte des Begriffs, insofern bei Begriffen zun"achst unmittelbare Handlungszusammenh"ange gemeint sind, und dann in einer Anwendungsgeschichte "Ubertragungen dieser Zusammenh"ange vorgenommen werden, wobei der Begriff von dem urspr"unglichen Kontext abstrahieren mag. Damit verbunden liegt im Begriff, eine Werthaltung vor. Diese Werthaltung kann an den urspr"unglichen Erkl"arungskontext gebunden sein, oder auch an eine sp"atere Verwendungsgeschichte des Begriffs. Die Werthaltung mag an den expliziten oder den impliziten Bedeutungsgehalt gebunden sein; sie mag bei einem bestimmten Begriff ver"anderbar oder unver"anderbar sein. In jedem Fall sind alle Begriffe emotiv "uber diese Werthaltung gebunden. Je st"arker die Werthaltung an einen expliziten Bedeutungsgehalt gebunden ist, um so weniger ist der Begriff ver"anderbar und umso folgenschwerer f"ur das gesamte Weltbild einer Gesellschaft sind "Anderungen an diesem Begriff, dessen expliziter Bedeutungsgehalt unmittelbar mit einer Werthaltung verbunden ist.
In der philosophisch als traditionell aufgefassten Gesellschaft sind die Wertungen in hohem Masse feststehend und auch an bestimmte Bedeutungsgehalte gebunden. Verschiebungen der Wertungen finden selten statt. Ethische Normen, nach denen sich unsere moralischen Massst"abe, d.h. unsere Regeln f"ur unser Handeln orientieren, sind fest mit den Schemata verbunden. Die posttraditionelle Gesellschaft wird dadurch charakterisiert, dass der Wandel von Bedeutungsgehalten und Werthaltungen von Begriffen nicht in grossen Zeitskalen geschieht, wie in der traditionellen Gesellschaft, sondern akzelerierend erfolgt – und zwar so schnell, dass eine langfristige G"ultigkeit von Werten und Bedeutungsgehalten von Begriffen nicht mehr erlebt wird.
Normen kollabieren unter diesen Bedingungen schliesslich rasch; niemand vermag sie mehr als dauerhaft geltend und bindend zu erleben. Da aber ohne Werthaltung niemand verstehen und niemand handeln kann, werden individuelle Substitute f"ur die begrifflichen Werthaltungen gesetzt, f"ur die ein gesellschaftlicher Konsens aber nicht erreicht werden kann. Dies hat meist auch soziale Verwerfungen in der Gesellschaft zur Folge.
Da in der posttraditionellen Gesellschaft die Dynamik und der Wandel selbst zu einem Wert wird, wird es sogar dazu kommen, dass der Wertewandel als ein Wert angesehen wird: Der Tabubruch wird zum Wert der posttraditionellen Gesellschaft. Die Kultur, die zuvor Tr"ager einer konsenten Erkl"arung und Bewertung in der traditionellen Gesellschaft war, wird nun in der posttraditionellen Gesellschaft davon gepr"agt, dass sie im Tabubruch die Geltung noch bestehender und u. U. nicht mehr koh"arenter Werte bewusst macht und einer expliziten Reflexion unterzieht — wie Filmindustrie und Literatur heute augenf"allig machen. Die technischen und naturwissenschaftlichen Neuerungen, die auch mit dem Begriffswandel in der posttraditionellen Gesellschaft einhergehen, haben zus"atzlich zur Folge, dass Wertsetzungen und Werthaltungen mit den (neuen) Begrifflichkeiten des ver"anderten Erfahrungsraums kollidieren. Die Anwendung von ansonsten akzeptierten ethischen Normen wird dann zu einem Problem, wie wir z. B. in der Medizin und der Gen–und Biotechnologie heute erleben.